Kinder und Jugendliche

Schon im Kleinkindalter lässt sich erkennen, was später ggf. ein Fehlbiss wird. Mit einer kieferorthopädischen Kontrolle des kindlichen Gebisses sollte daher frühzeitig begonnen werden. Empfehlenswert ist eine Vorstellung in der Fachpraxis im Alter von 7 bis 8 Jahren. So kann die Gebissentwicklung beurteilt und über eine eventuell notwendige Behandlung, durch die sich gesundheitliche Folgeschäden vermeiden lassen, rechtzeitig entschieden werden.

Ein verantwortungsvoller Kieferorthopäde beginnt mit der Therapie jedoch erst dann, wenn sie medizinisch notwendig ist. Ergibt die Erstuntersuchung, dass es für eine Behandlung noch zu früh ist, sollte ein Wiedervorstellungstermin zu einem späteren Zeitpunkt vereinbart werden.

Herausnehmbare Geräte

Die Wahl der Therapiemethode ist abhängig von der Funktion. Vor allem bei Kindern ist nicht selten eine Kombination verschiedener Methoden sinnvoll. Dabei werden zunächst funktionskieferorthopädische Geräte oder Plattenapparaturen angewendet, ehe eine feste Zahnspange zum Einsatz kommt.

Funktionskieferorthopädische Geräte

Statt einer aktiven Zahnbewegung steht hier die Aktivierung und Steuerung der Mundbewegung durch Bewegungs- und Berührungsreize im Mittelpunkt, die zu einer Erweiterung des Mundraums und einer Neuorientierung der Bisslage „aus eigener Kraft“ führt. Zu den klassischen funktionskieferorthopädischen Geräten zählen der Bionator nach Prof. Balters, der Aktivator und der Funktionsregler.

 

Der Bionator ist ein zierliches Gerät aus Draht und Kunststoff und wird lose im Mund getragen. Immer wenn das Kind schluckt, atmet, spricht oder mimische Bewegungen macht, wird er passiv mitbewegt. So werden Mundbewegungen geschult und korrigiert sowie schädliche oder krankmachende Gewohnheiten verlernt. Der Bionator ist quasi ein „Turngerät für den Mund“. Durch das Tragen werden die Funktionen von Kiefergelenk, Muskulatur, Zähnen und Wirbelsäule genau aufeinander abgestimmt. Der Bionator hat auch positive Auswirkungen auf den Körperzustand des Kindes. So bewirkt er u.a. die Optimierung des Stoffwechsels, die Streckung des Skelettsystems, die Förderung der Nasenatmung und die Lockerung von Gewebe und Muskulatur.

Beim Aktivator wird eine gesteigerte Muskeltätigkeit auf Zähne, Kieferknochen und Kiefergelenke übertragen. Die Gestaltung der Apparatur sorgt dafür, dass nach Möglichkeit nur solche Kräfte aktiviert werden, die zur Behebung der Zahnfehlstellung geeignet sind. Mit einem Aktivator können beide Kiefer genau eingestellt werden. Wie beim Bionator gibt es auch hier keine Halteklammern, so dass die Apparatur relativ locker im Mund sitzt.

Der Funktionsregler verändert das Gebiss über seinen Einfluss auf die Muskulatur vom Mundvorhof aus. Durch ausgedehnte Kunststoffflächen im Bereich von Wangen und Lippen geraten die Muskeln gezielt unter Zugspannung und regen so die im Ansatz liegenden Knochenbereiche zum Wachstum an. Das kann sowohl im Ober- wie auch im Unterkiefer erfolgen.

Plattenapparaturen

Sie bestehen aus einem individuell im Labor gefertigten Kunststoffkörper und Edelstahlelementen zum Halten an den Zähnen. Integriert sind kieferorthopädische Schrauben, die einen einzelnen Zahn, ganze Zahngruppen oder den gesamten Kiefer verändern. Möglich wird das Dehnen des Kiefers, das Öffnen und Schließen von Lücken und das Bewegen der Zähne in verschiedene Richtungen.

Heute können die herausnehmbaren Spangen in verschiedenen Farben hergestellt werden. So lassen sich die individuellen Wünsche des Kindes erfüllen, was auch die Akzeptanz für das Tragen der Plattenapparatur erhöht, denn die Mitarbeit des kleinen Patienten ist entscheidend für den Erfolg der Behandlung. Notwendig ist eine tägliche Tragezeit von 16 bis 18 Stunden.

Multibandtechnik

Bei komplizierteren Zahn- und Kieferfehlstellungen wird mit festsitzenden Zahnspangen (sog. Multibandtechnik) gearbeitet. Durch die exakte mechanische Wirkung und das permanente Tragen lässt sich im Vergleich zu einer herausnehmbaren Apparatur eine effizientere und in der Regel auch kürzere Behandlungsdauer erreichen.

Bei der Multibandtechnik gibt es verschiedene Standards. Sie unterscheiden sich durch das Material und die Gestaltung der Brackets, der Bögen und der Verankerungen. Während bei der Regelversorgung (Vertragsleistung) größere Metallbrackets sowie Bögen und Verankerungsmechaniken aus Edelstahl zum Einsatz kommen, bietet die ästhetisch hochwertigste Variante eine nahezu unsichtbare Korrektur mit programmierten Brackets aus Keramik mit superelastischen und zahnfarbenen Bögen.

 

 

Konventionelle Bracketsysteme

Bei konventionellen Zahnspangen wird das Bracket (Halteelement) auf die Zahnoberfläche geklebt und führt die Zähne in ihre optimale Position. Ein in die Brackets eingelegter Drahtbogen überträgt Zug- und Druckkräfte auf die Zähne, bis diese ihre endgültige Stellung erreicht haben. Eine sog. Ligatur hält den Bogen im Bracket. Ligaturen und Bögen müssen während der Behandlung mehrfach ausgetauscht werden.

Regelversorgung

Bei entsprechenden Voraussetzungen (ab Kieferorthopädische Indikationsgruppe 3) übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Versorgung mit größeren Brackets aus Metall und Bögen aus Edelstahl. Diese kostengünstigste Lösung erfüllt ihren Zweck und erlaubt eine exakte Positionierung der Zähne. Ästhetisch ist diese Versorgung jedoch nicht die erste Wahl. Die Brackets sind deutlich sichtbar und werden nicht selten als „Schneeketten im Mund“ bezeichnet. Auch Kinder und Jugendliche möchten solche optischen Einschränkungen heute vielfach nicht mehr in Kauf nehmen.

Mini-Brackets

Minibrackets sind deutlich kleiner und bieten daher mehr Komfort für Lippen und Wanden. Zudem lassen sich die kleineren Brackets besser pflegen als die Medium-Variante, was das Risiko von Zahn- und Zahnfleischerkrankungen reduziert. Trotzdem stellen auch diese metallischen Brackets keine optimale Ästhetik sicher.

Keramik-Brackets

Die ästhetisch hochwertigste Form der Versorgung im Bereich der Standardsysteme bieten Brackets aus Keramik. Die weißen Brackets lassen die natürliche Zahnfarbe durchscheinen und bieten damit weitaus mehr Ästhetik als die metallische Variante. Wie bei der metallischen Variante sind jedoch auch hier Ligaturen zur Verankerung des Brackets im Bogen notwendig, die regelmäßig getauscht werden müssen.

Selbstligierende Bracketsysteme

Selbstligierende Systeme sind eine Innovation im Bereich der Kieferorthopädie. Sie erfüllen nicht nur höchste Ansprüche an Ästhetik und Komfort, sondern arbeiten durch eine „intelligente Technik“ auch deutlich effektiver als konventionelle Systeme. Statt elastischem oder metallischem Verbindungsmaterial (Ligaturen) verfügt das Bracket über einem Clip, der auf einem High-Tech-Schiebemechanismus beruht. Gemeinsam mit den natürlichen Kräften der Gesichtsmuskeln wirkt dieser mit einer gleichmäßigen und kaum spürbaren Kraft auf den einzelnen Zahn ein. So werden die Zähne schonend und schmerzarm, aber trotzdem hoch effizient in die richtige Richtung bewegt.

Selbstligierende Technologien bieten im Vergleich zur Standardtechnik zahlreiche Vorteile.

Weniger Kontrollen:
Durch den Clipmechanismus und eine verbesserte Gleitmechanik wird der Druck auf die Zähne reduziert. Die einwirkenden Kräfte fallen daher wesentlich kleiner aus. Damit werden die Abstände zwischen den Kontrolluntersuchungen länger, was insgesamt weniger Termine notwendig macht.

Schnellerer Erfolg:
Vielfach kann die Behandlungszeit bei selbstligierenden Brackets im Vergleich zu konventionellen erheblich verkürzt werden.

Schonendere Behandlung:
Die geringe Reibung ermöglicht eine schmerzarme bzw. schmerzfreie Behandlung. Mögliche Beschwerden werden auf ein Minimum reduziert.

Verbesserte Hygiene:
Die glatte Oberfläche und das zierliche Design erleichtern die Pflege. Da Ligaturen – die typischen Schmutzfänger – fehlen, ist eine optimale Mundhygiene gewährleistet – ein wichtiger Faktor, um Schäden an Zähnen und Zahnfleisch zu verhindern.

Rhodium-veredelte Brackets

Rhodium-veredelte selbstligierende Brackets stellen einen Mittelweg zwischen Metall und Keramik dar. Die rhodinierte Oberfläche reduziert die Lichtreflexion reduziert, was das Bracket im Vergleich zur metallischen Variante deutlich unauffälliger macht.

Die abgerundeten Brackets sind sehr zierlich und so gearbeitet, dass sie eine flache Platzierung am Zahn erlauben. Damit wird die Behandlung sehr dezent, bleibt aber preiswerter als bei einem Keramikbracket.

Keramikbrackets

Allerhöchste ästhetische Ansprüche erfüllen moderne High-Tech-Brackets aus Keramik. Sie vereinen die Vorzüge der selbstligierenden Technik mit maximaler Natürlichkeit. Die zierlichen Brackets bestehen aus hochreinem Saphierglas, die sich der natürlichen Zahnfarbe optimal anpassen. So bleibt die Zahnkorrektur für das Gegenüber nahezu unsichtbar. Ein spezielles Herstellungsverfahren gewährleistet, dass Verfärbungen und Fleckenbildung durch Kaffee, Tee oder andere Genussmittel ausgeschlossen sind. Damit ist die Optik auch am Ende der Behandlung noch perfekt.

Selbstligierende Keramikbrackets sind die Methode der Wahl für eine schonende und komfortable Zahnkorrektur in Fällen, in denen auch das kleinste metallische Bracket keine akzeptable Lösung ist.